Zum Frauenstreik am 14. Juni 2019

Ich streike, weil ich die Arbeit der Migrant*innen sichtbar machen möchte!

Wir sind Migrant*innen in der Schweiz. Für einige ist Deutsch, Französisch, Italienisch unsere Muttersprache, andere kämpfen täglich mit der Grammatik und Aussprache. Einige unserer Familien sind vor Bürgerkriegen und Diktaturen in die Schweiz geflohen. Einige sind als Kinder in die Schweiz gekommen. Einige von uns sind hier geboren oder vor einigen Jahren erst in die Schweiz gekommen denn in ihren Herkunftsländern wurde ihnen der Zugang zu Bildung und die volle Teilnahme am sozialen, kulturellen und politischen Leben aufgrund ihrer sogenannten ethnischen Zugehörigkeit, Klasse und/oder politischen Überzeugung untersagt. Einige warten immer noch auf die Annahme ihres Asylantrages. Wir haben unterschiedliche soziale Hintergründe, aber was uns eint ist das Gefühl der „Andersartigkeit“, welches sich auf praktischer Ebene in unserem Alltag in der Schweiz zeigt. Oftmals sind unsere Positionen und Sichtweisen sowie unsere Art, uns auszudrücken – ausserhalb des Status quo. Sie werden oft als entweder irrelevant oder übertrieben wahrgenommen. Oftmals müssen diese irgendwie reformuliert werden, sodass sie zugänglicher sind; oder es wird für uns gesprochen. Diese Position der „Andersartigkeit“ prägt unsere Erfahrungen und Sichtweisen. Wir bringen andere Diskussionen aus „anderen“ Kontexten mit, die untrennbar mit unserer politischen DNA verbunden sind.

Ein grosser Teil der Beschäftigten in der Schweiz sind Migrant*innen. Besondere Aufmerksamkeit muss den rassistischen sozialen Beziehungen geschenkt werden, in denen sie gefangen sind und die oft die sozialen Beziehungen der Klassen verdecken. Migrant*innen sind meist von mehrfacher Diskriminierung betroffen. Sie müssen ihre Heimatländer aufgrund Kriege, Gewalt oder globalisierter Wirtschaftsarmut verlassen. In der Schweiz sind ihre Diplome, Ausbildungen nicht anerkannt. So sind sie oftmals auf Haushaltsarbeite und Pflegeberufe, Reinigungskraft beschränkt. Sie kümmern sich um Kinder, um alte Menschen, um Haushalte – unsichtbare Arbeiten, nicht anerkannt und nicht wertgeschätzt. Ich erlebte das bei meiner Mutter. Sie hat ihre 7 Kinder grossgezogen und noch dazu auf ihren pflegebedürftigen Mann geschaut. Sie hatte bis heute keine Privilegien. In vielen Fällen stand sie praktisch 24 Stunden am Tag zu Verfügung. Durch ihre Arbeit ermöglicht meine Mutter, dass andere Frauen und ich, arbeiten gehen und Karriere machen können.

Warum einen Frauen*streik

In den letzten zwei Jahren sind feministische Forderungen auf der ganzen Welt lauter geworden. «Ni una Menos / Ni una di Meno» in Argentinien / Brasilien und Italien, die «Women’s Marches» in den USA oder der Black Protest in Polen sind nur einige Beispiele davon. Im Spanischen Staat haben am 8. März 2019 landesweit Frauen gestreikt und gezeigt, was es heisst, wenn Frauen sich dafür entscheiden, die bezahlte und unbezahlte Arbeit nicht mehr zu erledigen. Am selben Abend sind Millionen Frauen und solidarische Männer auf die Strassen gegangen. Auch in der Schweiz kam es in den letzten Jahren und Monaten immer wieder zu starken Zeichen einer immer grösser werdenden feministischen Bewegung. Die Women’s Marches, die jährlich stattfindenden Demonstrationen rund um den 8. März, aber auch die Demonstration im September 2018 in Bern für echte Lohngleichheit mit 20’000 Teilnehmer*innen oder die Frauen*streik-Blöcke am 1. Mai 2019 in vielen Städten zeigen, dass der Frauen*streik 2019 kommen kann. Im Hinblick auf die Gleichstellung der Geschlechter wurde am 14. Juni 1981 ein Verfassungsartikel zur Gleichstellung von Männern und Frauen angenommen. Jedoch mussten Frauen 1990 feststellen, dass der 1981 eingeführte Gleichstellungsartikel nicht zu einer Aufhebung der Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen führte. Um dagegen etwas zu unternehmen, lancierten sie einen schweizweiten Frauenstreik.

Von international zu internationalistisch…

Unsere Geschichte ist aber auch die Geschichte der Kämpfe und des Widerstandes von Millionen von Frauen, Trans-, Inter- und nicht-binären Menschen. Die Kämpfe von jüdischen Frauen gegen den Nationalsozialismus in Deutschland und Antisemitismus weltweit sind seit jeher mit den Kämpfen von indigenen, Schwarzen, kurdischen, tamilischen und palästinensischen Frauen und queeren Menschen gegen Kolonialismus und Besatzung verbunden.

Edibe Gölgeli, Juni 2019

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