Die Realität derer, die nicht mitgedacht werden

Zurückhaltung gilt hierzulande oft als Tugend. In Wirklichkeit ist sie ein Privileg. Man kann es sich nur leisten, zurückhaltend zu sein, wenn man von Anfang an dazugehört. Ich benenne diese Realität, weil viele Erfahrungen von Menschen aus Minderheiten in der Politik ungehört bleiben. Und weil politische Inklusion nicht durch Geduld entsteht, sondern durch bewusste Öffnung und gerechte Zugänge. In meinem politischen Amt mache ich täglich die Erfahrung, dass Zugehörigkeit kein Selbstverständnis ist – selbst dann nicht, wenn man Verantwortung trägt.

Edibe Gölgeli

Edibe Gölgeli

 

Vergangene Woche war ich als Politikerin, die selbst einer Minderheit angehört, in ein Seminar mit Studierenden der Politikwissenschaften eingeladen. Thema war politische Inklusion und der Zugang zu gesellschaftlich benachteiligten Gruppen. Die Gespräche haben bei mir vieles ausgelöst, weil sie nicht nur theoretische Fragen berühren, sondern Erfahrungen, die ich und viele andere im Alltag tatsächlich machen. Und sie machen etwas mit einem.

Ich bin Schweizerin mit kurdisch alevitischer Herkunft. Meine Biografie ist von mehrfachen Zuschreibungen geprägt. Entscheidend für meinen politischen Weg war jedoch weniger meine Identität als strukturelle Benachteiligung. Meine Familie war bereits im Herkunftsland staatlich abgehängt, ohne Zugang zu Macht, Schutz oder politischen Rechten. Die Einwanderung brachte Sicherheit, Heimat und neue Perspektiven, dafür bin ich dankbar. Gleichzeitig setzte sich der fehlende strukturelle Zugang fort. Auch hier fehlten Netzwerke, Ressourcen und politische Selbstverständlichkeiten, die Teilhabe erleichtern oder ermöglichen.

Vor diesem Hintergrund war auch mein eigener Weg in die Politik nie selbstverständlich.
Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die durch die Einwanderung sozioökonomisch eingeschränkt war. Nicht aus Mangel an Leistungsbereitschaft, sondern weil Migration zunächst vor allem Existenzsicherung bedeutete. Zeit, finanzielle Stabilität und institutioneller Zugang waren begrenzt, Bildungswege dadurch erschwert. Von Bildungsferne zu sprechen, greift zu kurz. Bildung fehlte nicht aus Desinteresse, sondern war bereits im Herkunftsland aufgrund von Identität und Zugehörigkeit eingeschränkt und wurde nach der Einwanderung durch strukturelle Hürden weiter erschwert. Bildung war kein selbstverständlicherWeg, sondern etwas, das gegen Widerstände erkämpft werden musste.

Politische Codes, Sprache und unausgesprochene Regeln musste ich mir deshalb über Jahre selbst aneignen. Oft fühlt es sich an, als würde man im Minus starten. Jahre braucht es, um überhaupt den Schlüssel zu finden, und dann nochmals Jahre, um die Tür zu öffnen.Und selbst wenn diese Tür geöffnet ist, bedeutet das noch nicht automatisch Zugehörigkeit. Man betritt den Raum, ohne sicher zu sein, ob man wirklich Teil davon ist. Auch Selbstzweifel sind real. Wenn man über lange Zeit niemanden sieht, der einem ähnelt oder eine vergleichbare Geschichte mitbringt, beginnt man zu zweifeln, ob man überhaupt dazugehört. Nicht, weil es an Fähigkeiten fehlt, sondern weil Repräsentation Orientierung gibt. Wer sich selbst nie auf der Bühne sieht, glaubt lange, dass dieser Raum nicht für einen gedacht ist.

Es bleibt häufig das Gefühl, nicht reproduziert zu werden.
Es kommt niemandem selbstverständlich in den Sinn, einen einzubeziehen, mitzudenken oder eine Plattform zu geben. Man muss immer für sich selbst einstehen, sich immer wieder erklären und die eigene Legitimität begründen. Auch das macht etwas mit einem. 
Kaum erhebt man Anspruch auf Raum, Verantwortung oder Mitgestaltung, folgt nicht selten Verdrängung. Leise, indirekt, aber wirksam.

Politik funktioniert stark über Beziehungen. Ohne Mentorinnen und Mentoren, ohne Zugehörigkeitsgefühl, bleibt man schnell aussen vor. Entscheidungsräume werden selten neutral weitergegeben. Zuerst kommen die Gleichgesinnten, jene aus ähnlichen sozialen und biografischen Kontexten. Wer anders sozialisiert ist, wird weniger selbstverständlich weitergetragen und weniger abgesichert. Gerade bei der Verteilung von Verantwortung oder beim Anspruch auf zentrale Themen wird das besonders sichtbar. Wenn Namen fallen, sind es oft dieselben, aus denselben Kreisen, mit Fürsprecherinnen und Fürsprechern und bestehenden Netzwerken. Dieses Name Dropping ist selten zufällig. Es folgt vertrauten Beziehungen.

Für viele aus Rand oder Minderheitenpositionen gilt das nicht.
Es fehlt an Lobby, an Fürsprecherinnen und Fürsprechern, an Menschen, die Türen öffnen. Oft heisst es dann, man müsse sich halt besser untereinander organisieren oder mobilisieren. Doch genau dafür fehlen häufig die Ressourcen. Zeit, Sicherheit und Energie sind begrenzt. Wer ohnehin viel aufbringen muss, um sichtbar zu bleiben, hat weniger Spielraum, zusätzlich strategische Netzwerke zu pflegen.

Hinzu kommt eine Erfahrung, die viele kennen, besonders Frauen, die sich ausserhalb der erwarteten Norm bewegen. Wenn Narrative, Perspektiven oder Gedankengänge nicht dem Vertrauten entsprechen, entsteht Irritation. Nicht weil sie falsch wären, sondern weil sie bestehende Ordnung verschieben. Gespräche kippen, Stimmen werden überlagert, Argumente relativiert. Nicht offen, aber wirksam.

Machtverhältnisse lassen sich wie eine Leiter lesen.
Oben finden sich nach wie vor vor allem Gruppen, die historisch privilegierten Zugang zu Bildung, Netzwerken und politischer Gestaltung hatten. Weiter unten stehen überproportional Frauen, migrantisch gelesene Personen und andere marginalisierte Gruppen. Diese Ordnung ist kein Zufall, sondern strukturell gewachsen. 

Aktuelle lokale Entwicklungen machen das deutlich.
In Basel-Stadt wurde am 24. November 2024 erneut über das Ausländerstimmrecht abgestimmt. Die Mehrheit der Stimmberechtigten sagte Nein. Damit blieb ein grosser Teil der Wohnbevölkerung weiterhin ohne politische Mitbestimmung. Ein kleiner Teil entscheidet darüber, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung politisch ausgeschlossen bleibt. Das ist nicht nur ein Abstimmungsresultat, sondern ein Stimmungsbild darüber, wer als Teil der politischen Gemeinschaft gesehen wird und wer nicht. 
Hinzu kommt, dass die Einbürgerungshürden in der Schweiz sehr hoch sind. Auch wenn sie in Basel dank langjähriger politischer Kämpfe teilweise niederschwelliger geworden sind, bleibt das System insgesamt restriktiv. Das verwehrt vielen Menschen den Zugang zu vollen politischen Rechten und verstärkt die Unterrepräsentation – ein Hinweis auf strukturelle DiskriminierungAuch die mediale Darstellung trägt ihren Teil dazu bei. Minderheiten werden häufiger in problematisierenden Kontexten gezeigt, was Misstrauen fördert und das Gefühl der Nichtzugehörigkeit verstärkt. Solche Mechanismen sind subtil, aber sie wirken.

Und wie anspruchsvoll es ist, trotz solcher Hürden politisch mitzuwirken, zeigt ein weiteres aktuelles Beispiel. Mein Grossratskollege Mahir Kabakci, ein junger Basler mit Migrationsgeschichte, setzt sich engagiert für das Gemeinwohl ein. Vor kurzem hat er sich für tiefere Einbürgerungsgebühren starkgemacht. Statt dass sein Engagement als Erfolg eines jungen Politikers gewürdigt wird, der Verantwortung übernimmt und sich für eine gerechtere Teilhabe einsetzt, wurde er massiv rassistisch angefeindet. Er hat diese Angriffe öffentlich gemacht, um sichtbar zu machen, womit Menschen konfrontiert sind, sobald sie über klassische Erwartungshorizonte hinaus in politische Verantwortung treten. Mitgestalten heisst sichtbar sein. Doch Sichtbarkeit bedeutet nicht automatisch, unterstützt zu werden.

Und genau hier stellt sich für mich eine offene Frage.
Wo stehe ich als Aufsteigerin?

Ich habe mir Fähigkeiten angeeignet, Verantwortung übernommen, mich behauptet und setze mich für das Gemeinwohl ein. Nach aussen werde ich (wir) deshalb oft als Karrieristin gelesen. Doch das greift zu kurz. Was von aussen wie Karriere wirkt, ist in Wahrheit Durchhaltevermögen und Beharrlichkeit. Kein Streben nach Status, sondern die Konsequenz daraus, sich immer wieder behaupten zu müssen.

Für Menschen ohne strukturellen Zugang bedeutet Stillstand Rückschritt.
Wer nicht getragen wird und wer nicht selbstverständlich mitgedacht wird, kann sich Zurückhaltung nicht leisten. Präsenz, Klarheit und Kontinuität sind keine Ambition. Sie sind Überlebensstrategien in einem System, das Zugehörigkeit nicht automatisch vergibt.

Zurückhaltung gilt hierzulande oft als Tugend. In Wirklichkeit ist sie ein Privileg.
Man kann es sich nur leisten, zurückhaltend zu sein, wenn man gesehen wird.

Ein Satz von Sanna Marin begleitet mich dabei.
Auf dieser Welt gibt es keine höhere Autorität, die uns die Erlaubnis gibt, wir selbst zu sein und uns einzubringen. Hätte sie auf die Erlaubnis anderer gewartet, würde sie noch heute warten. 
Dieser Gedanke trifft einen Kern.
Denn allzu oft wird Loyalität mit Unterordnung verwechselt. Mit Leisesein. Mit Geduld. Mit Warten, bis man gefragt wird. 
Gerade Menschen, die nicht der Norm entsprechen, hören früh, dass sie sich zuerst einfügen sollen. Dankbar, angepasst, zurückhaltend. Haltung zu zeigen, kritisch zu sein, Ansprüche zu formulieren oder Raum einzunehmen gilt dann schnell als unbequem. Dabei ist genau das politisch notwendig.
Einstehen. Aufzeigen. Widersprechen. Verantwortung übernehmen.

Gleichzeitig darf die eigene Biografie nicht zur einzigen Erklärung werden. Sie prägt, aber sie definiert nicht vollständig. Und dennoch darf sie nicht vergessen werden. Denn wir sind noch lange nicht dort, wo wir sein sollten, weder in der Repräsentation noch in der Verteilung von Zugängen, Verantwortung und Entscheidungsräumen.

Und ja, ich weiss, ich bin mit diesen Erfahrungen nicht allein. 
Viele gehen diesen Weg. Und trotzdem ist er ermüdend. Erschöpfend. Denn immer wieder Wege zu ebnen für jene, die folgen, kostet Kraft. 
Es gibt Momente, in denen man sich wünscht, einfach gesehen zu werden. Dass einem etwas zugetraut wird. Dass einem Raum geschenkt wird, ohne ihn erneut verteidigen zu müssen. Auch das gehört zur Realität von Teilhabe. Und auch das darf benannt werden.

Und damit stellt sich unausweichlich die Frage.


Wer trägt die Verantwortung dafür, dass Teilhabe möglich wird?

Nicht Einzelne allein.
Nicht Communities allein.
Die Verantwortung liegt bei den politischen Parteien und den Orten, an denen entschieden wird. Dort, wo Zugänge geregelt, Verantwortung verteilt und Macht wirksam ist.

Warum schreibe ich das?

Weil ich in meinem Amt immer wieder feststelle, dass ich in vielen politischen Räumen – in Parteien, in der politischen Landschaft, aber auch in der Verwaltung – weiterhin eine Minderheit darstelle. Diese Erfahrung mache ich nicht einmalig, sondern strukturell. Und sie zeigt mir, wie eng politische Teilhabe nach wie vor gefasst ist.

Weil ich auch glaube, dass unterschiedliche Lebensperspektiven dazu führen, dass vielen die Berührung mit solchen Erfahrungen fehlt. Vieles passiert leise, unsichtbar, im Alltag, und ich weiss, dass die meisten Menschen nicht böswillig handeln. Oft ist es Überforderung, Unwissen oder schlicht fehlende Nähe zu solchen Realitäten.

Mir geht es nicht darum, in einer Opferhaltung zu bleiben. Im Gegenteil mir geht es darum, Erfahrungen sichtbar zu machen, sie einzuordnen und Reflexion anzuregen. Viele ähnliche Geschichten bleiben ungehört, obwohl sie den Alltag vieler Menschen prägen. Wenn wir sie benennen, schaffen wir Verständnis und ermöglichen gesellschaftlichen Fortschritt. Das Sichtbarmachen ist kein Selbstzweck, sondern ein Beitrag dazu, dass wir als Gesellschaft erkennen, wo wir stehen und wo wir noch handeln müssen. Politische Inklusion entsteht nicht von selbst. Sie entsteht dort, wo Perspektiven sichtbar werden und Räume bewusst geöffnet werden. Echte Gleichstellung bedeutet, dass Menschen nicht in Randthemen oder Parallelräume gedrängt werden, sondern selbstverständlich dazugehören. Inklusion heisst integrieren, nicht delegieren. Und ja, ich weiss, dass ich heute auch privilegierter bin als früher. Gerade deshalb entscheide ich mich, zu senden.

Wer sendet, positioniert sich.
Wer sendet, zeigt Haltung.
Wer sendet, macht sich angreifbar.

Nicht zu senden ist auch eine Entscheidung.
Für mich ist sie klar. 

Ich sende.

Edibe Gölgeli

 

 

 

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